Schmiergeldprozess: Keil von Jagemann packt aus
Kaum zu glauben: Die Compliance-Abteilung der Siemens AG hatte Kenntnis von der Schmiergeldpraxis im eigenen Konzern und ließ die Beteiligten gewähren
Die Siemens-Compliance-Beauftragten hielten fünf bis sechs Prozent an Schmiergeld pro Auftragswert für "sittlich gerechtfertigt"
(29.05.08) – Vom Hüter der Compliance zum Gestalter der Compliance: Wenn es stimmt, was der ehemalige Siemens-Manager Heinz Keil von Jagemann vor dem Landgericht München ausgesagt hat, darf man der Compliance-Abteilung der Siemens AG bescheinigen, am Prozedere der Schmiergeld- und Korruptionsabwicklung einen maßgeblichen und durchaus kreativen Anteil gehabt zu haben.
Keil von Jagemann, gegen den ebenfalls ermittelt wird, wies nach Berichten der Wirtschaftswoche und der FTD nicht nur darauf hin, dass die Korruptionswächter der Siemens AG über Schmiergeld- und Korruptionszahlungen Bescheid gewusst hätten. Sie hätten sogar darauf gedrungen, das Provisionssystem an fragwürdige Zahlungen (sprich die Schmiergeldzahlungen) in "sittlich gerechtfertigte" Größenordnungen zu bringen.
Laut Keil von Jagemann seien vor 2001 Schmiergeldzahlungen in Höhe von 30 Prozent des Auftragswertes durchaus üblich gewesen. Da aber die österreichischen Banken, über die ein großer Teil der fragwürdigen Zahlungen abgewickelt wurden, hellhörig geworden wären, hätte die Compliance-Abteilung in München die verantwortlichen Manager der Siemens-Telekommunikationssparte Com aufgefordert, sich "etwas anderes einfallen" zu lassen.
Erst darauf hin sei die Schmiergeldsumme mit fünf bis sechs Prozent des Auftragswertes auf ein unauffälliges Provisionsmaß reduziert worden. Diese Summe sei von der Compliance-Abteilung als "sichtlich gerechtfertigt" erachtet worden. Keil von Jagemann wies darauf hin, dass die die betreffenden zwei Compliance-Beauftragte, die diese Reduzierung angeregt hätten, noch heute für Siemens tätig sein sollen.
Für Keil von Jagemann habe sich die reduzierte Schmiergeldgröße auch gesundheitlich positiv ausgewirkt. Als Bargeldkurier habe er zuvor derart große Geldmengen in Pilotkoffern ins benachbarte Ausland geschafft, dass er sich "fast einmal einen Rückenschaden zugezogen" hätte, berichtete der Ex-Siemens-Manager. Er gab in diesem Zusammenhang auch den Wirtschaftsprüfern der KPMG eine gewisse Mitschuld. Sie hätten die unregelmäßigen Zahlungen zwar regelmäßig bemerkt, es wäre aber nichts weiter passiert. Das habe ihn "sicherer" gemacht.
Inzwischen hat auch der frühere Siemens-Zentralvorstand Thomas Ganswindt seine Beteiligung an der Schmiergeldaffäre gestanden. Nach Aussage der Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl haben darüber hinaus noch weitere Beschuldigte ein Geständnis abgelegt. Ins Rollen gebracht habe die ganze Affäre Reinhard S. (Siekaczek), der bereits am Montag ein Geständnis abgelegt hatte. Er habe der Staatsanwaltschaft zwei Koffer voller Unterlagen übergeben und alle Mitwisser (darunter auch Mitglieder der Konzernspitze) genannt, sagte Bäumler-Hösl. Man ermittle derzeit gegen rund 100 Personen. (Siemens: ra)
Artikel zum Siemens-Schmiergeldprozess:
Siemens-Schmiergeldprozess: Neubürger in der Enge
Siemens-Schmiergeldprozess: Jagemann packt aus
Siemens-Schmiergeldprozess in München
Lesen Sie auch zum Thema:
Der Siemens-Skandal: Wie alles begann
Siemens und ihre "Amigo-Wirtschaft"
Korruption bei Siemens: Von Pierer in der Klemme
Siemens-Ikone von Pierer wird erneut belastet
Siemens: Was wusste Heinrich von Pierer wirklich?
Korruption: Von Pierer aus der Schusslinie
Der Siemens-Skandal im Überblick:
Der Siemens-Korruptions-Almanach
Cover-Interview: Siemens und die organisierte Kriminalität
Hier lesen Sie alles zum Siemens-Skandal
Siemens: Rechtsstreits im Geschäftsjahr 2007
Neue Dimension im Siemens-Schmiergeldskandal
Meldungen zur Siemens-Hauptversammlung am 24. Januar 2008:
Siemens: Aufsichtsratsmitglieder neu gewählt
Siemens vor Vergleich mit SEC und DoJ
Siemens-Hauptversammlung live im Internet
Siemens-Korruption: Neue Erkenntnisse
Siemens: Unruhe vor der Hauptversammlung
SdK: Siemens-Aufsichtsrat hat versagt
Kein Freibrief für Siemens-Vorstände
|
|





