Siemens-Aufsichtsrat beschädigt Kleinfeld
Cromme und Ackermann wollen sauberen Neuanfang nach den Schmiergeld-Affären bei Siemens: Heute entscheidet sich Kleinfelds Schicksal
Siemens schielt zur SEC - Klaus Kleinfeld offensichtlich nur noch Vorstandschef auf Abruf
Klaus Kleinfeld bei Siemens zur Disposition:
Wollen Ackermann und Cromme ihn beseitigen? Bild: Siemens
(25.04.07) – Nach dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Prof. Heinrich von Pierer werden bei Siemens jetzt offensichtlich die Messer gewetzt: Ganz unerwartet ist einen Tag vor der Aufsichtsratssitzung am heutigen Mittwoch nun der Siemens-Vorstandsvorsitzende Dr. Klaus Kleinfeld in den Strudel einer Diskussion geraten, die ihn bei Siemens durch den Ausguss ziehen könnte. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen aufsichtsratsnahen Informanten, der gesagt haben soll: "Einige Mitglieder des Aufsichtsrates halten derzeit in der Frage der Vertragsverlängerung Kleinfelds inne." Angeblich hätten Vertreter der Kapitalseite Vorbehalte gegen eine Vertragsverlängerung von Klaus Kleinfeld, dessen Vertrag im September ausläuft. Vertreter der Arbeitnehmerseite hätten laut Angaben der IG Metall noch keine abschließende Meinung zum Verbleib von Kleinfeld. Ganz offensichtlich verlaufen die Fronten der Befürworter und Gegner Kleinfelds quer durch die Lager der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.
Die wüsten Gerüchte waren am Dienstag hochgekocht, nachdem die Financial Times Deutschland (FTD) einen so genannten "Beteiligten" mit den Worten zitiert (damit gleich eine Kursschwäche der Siemens-Aktie ausgelöst hat): "Führende Mitglieder des Aufsichtsrats sind der Meinung, dass ein Wechsel an der Konzernspitze der richtige Weg für einen Neuanfang bei Siemens ist." Als Drahtzieher wird der Siemens-Aufsichtsrat und Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, genannt. Dieser habe bereits mit einer ganzen Reihe von externen Kandidaten gesprochen. Allerdings habe Ackermanns Favorit, der Linde-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Reitzle (57), laut Informationen des Handelsblatts nach kurzer Bedenkzeit bereits abgesagt. In den Medien wird gemutmaßt, dass Reitzle, der bei Linde rund 7,4 Millionen Euro verdienen soll, sich mit dem eher kargen Siemens-Chef-Salär von rund 4 Millionen Euro nicht so recht anfreunden konnte. Auf Ackermanns Seite scheint der designierte von Pierer-Nachfolger Gerhard Cromme zu stehen. Er soll mit Ackermann bei einem gemeinsamen Mittagessen mit Wolfgang Reizle versucht haben, diesen für die Siemens AG zu gewinnen.
Dr. Wolfgang Reitzle:
Siemens kein Thema, Bild: Linde
Gegen eine vorzeitige Vertragsverlängerung sträubt sich vor allem die auf Corporate Governance bedachte Fraktion im Aufsichtsrat: Da die Korruptionszahlungen auch noch während der Amtszeit Kleinfelds abgewickelt worden waren, beobachtet die US-Börsenaufsicht SEC Kleinfeld- (und damit auch alle Siemens-)Aktivitäten mit Argusaugen. Kleinfeld zu opfern wäre daher ein Signal für einen Neuanfang.
Dass gerade Ackermann sich als Königsmörder so hervortut, interpretieren intime Kenner mit seinem Mannesmann-Debakel. Damals hatte man kritisiert, zu lasch und alles andere als Aufsichtsrats-konform gehandelt zu haben.
Siemens hat durch einen Sprecher mitteilen lassen, dass am Zeitplan für die Vertragsverlängerung von Kleinfeld festgehalten werden. Das heißt natürlich so viel wie gar nichts: Es wird lediglich bestätigt, dass heute über Klaus Kleinfelds Vertragsverlängerung abgestimmt wird.
Es wird also spannend – Die Alternativen
>> Kleinfeld könnte zugute kommen, dass der Aufsichtsrat keinen adäquaten Nachfolger präsentieren kann (sehr wahrscheinlich)
>> und notgedrungen einer Vertragsverlängerung ohne wenn und aber zustimmt (eher unwahrscheinlich)
>> man hat Kleinfeld in den letzten Tagen mürbe geritten, um ihn selbst zum Aufgeben zu bewegen (unwahrscheinlich: Kleinfeld gilt als Kämpfer)
>> Ebenfalls möglich wäre ein Kompromiss: Man könnte die Entscheidung um die Personalie Kleinfeld um drei Monate auf die nächste Aufsichtsratssitzung verschieben, um in aller Stille nach einem neuen Kandidaten zu suchen (danach sieht es momentan aus)
>> oder man einigt sich darauf, Kleinfelds Verbleib bei Siemens im Vertrag so zu regeln, dass er bei Bedarf jederzeit (z.B. wenn die SEC grollt) geschasst werden kann (sehr gut möglich).
Nicht einschätzbar ist jedoch, wie der Aktienmarkt auf diese Hängepartie reagiert. Bisher hat die Börse den Kleinfeld-Kurs stets honoriert. Die Investmentbank Morgan Stanley habe sogar direkt vor einem Wechsel an der Siemens-Spitze gewarnt.
Die Diskussion hat klar gemacht:
1. Ein Neuanfang wird immer stärker mit einem Wechsel in der Vorstandsspitze verbunden
2. Der Prinz von Amerika ist nicht mehr der ungeteilte Wunschkandidat des Aufsichtsrats
3. Seit gestern gilt: Der Vorstandschef ist schwer beschädigt
4. Die Basis für ein vertrauenvolles Zusammenarbeiten mit dem Aufsichtsrat dürfte für Kleinfeld kaum noch gegeben sein
Lesen Sie auch das Essay von Dr. Thomas Middelhoff:
Gute Governance: Deutschland braucht professionelle Aufsichtsräte - Im Filz der Deutschland AG
Hier geht es zur Umfrage: Wer beerbt Klaus Kleinfeld?
Hier lesen Sie alles zum Siemens-Skandal
(FTD; Reuters, AP, Siemens: ra)
Der Siemens-Aufsichtsrat
Der Siemens-Aufsichtsrat: So ist er besetzt (Stand 25. Januar 2007)
Vorsitzender
Prof. Dr. jur. Dr.-Ing. E. h. Heinrich v. Pierer,
Geburtsdatum: 26. 1. 1941
Mitglied seit: 27. 1. 2005
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
Deutsche Bank AG, Frankfurt/Main
Hochtief AG, Essen
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG, München
ThyssenKrupp AG, Düsseldorf
Volkswagen AG, Wolfsburg
Ralf Heckmann*
1. stellv. Vorsitzender
Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Siemens AG
Geburtsdatum: 19. 7. 1949
Mitglied seit: 24. 3. 1988
Dr.oec. Josef Ackermann
2. stellv. Vorsitzender
Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank AG
Geburtsdatum: 7. 2. 1948
Mitglied seit: 23. 1. 2003
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
Bayer AG, Leverkusen
Lothar Adler*
Stellv. Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Siemens AG
Geburtsdatum: 22. 2. 1949
Mitglied seit: 23. 1. 2003
Gerhard Bieletzki*
Vorsitzender des Betriebsrats der Siemens AG, Standort Dortmund
Geburtsdatum: 16. 5. 1947
Mitglied seit: 23. 1. 2003
John David Coombe
Chartered Accountant (FCA)
Geburtsdatum: 17. 3. 1945
Mitglied seit: 23. 1. 2003
Externe Mandate
Vergleichbare Auslandsmandate:
GUS plc, Großbritannien
Hogg Robinson Group plc, Großbritannien
HSBC Holdings plc, Großbritannien
Hildegard Cornudet*
Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Siemens Business Services GmbH & Co. OHG
Geburtsdatum: 16. 4. 1949
Mitglied seit: 1. 4. 2004
Dr.jur. Gerhard Cromme
Vorsitzender des Aufsichtsrats der ThyssenKrupp AG
Geburtsdatum: 25. 2. 1943
Mitglied seit: 23. 1. 2003
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
Allianz AG (ab 13.10.2006 Allianz SE), München
Axel Springer AG, Berlin
Deutsche Lufthansa AG, Köln
E.ON AG, Düsseldorf
Hochtief AG, Essen
ThyssenKrupp AG, Düsseldorf (Vorsitz)
Vergleichbare Auslandsmandate:
BNP Paribas S.A., Frankreich
Compagnie de Saint-Gobain S.A., Frankreich
SUEZ S.A., Frankreich
Birgit Grube*
Bürokauffrau
Geburtsdatum: 21. 8. 1945
Mitglied seit: 11. 3. 1993
Heinz Hawreliuk*
Gewerkschaftssekretär der IG Metall
Geburtsdatum: 20. 3. 1947
Mitglied seit: 1. 4. 1985
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
DaimlerChrysler Aerospace AG, München
DaimlerChrysler Luft und Raumfahrt
Holding AG, München
Eurocopter Deutschland GmbH, München
Berthold Huber*
2. Vorsitzender der IG Metall
Geburtsdatum: 15. 2. 1950
Mitglied seit: 1. 7. 2004
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
Audi AG, Ingolstadt
Prof. Dr.rer.nat. Walter Kröll
Berater
Geburtsdatum: 30. 5. 1938
Mitglied seit: 23. 1. 2003
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
MTU Aero Engines GmbH, München
Wincor Nixdorf AG, Paderborn
Georg Nassauer*
Stahlformenbauer
Geburtsdatum: 8. 3. 1948
Mitglied seit: 11. 3. 1993
Thomas Rackow*
(seit Ablauf der Hauptversammlung am 26.1.2006)
Industriekaufmann
Geburtsdatum: 6. 2. 1952
Mitglied seit: 26. 1. 2006
Dieter Scheitor
Gewerkschaftssekretär der IG Metall
Geburtsdatum: 23. 11. 1950
Mitglied seit: 25. 1. 2007
Dr.jur. Albrecht Schmidt
Bankdirektor a.D.
Geburtsdatum: 13. 3. 1938
Mitglied seit: 11. 3. 1993
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG, München
Thyssen'sche Handelsgesellschaft m.b.H., Müllheim
Dr.jur. Henning Schulte-Noelle
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Allianz AG (ab 13.10.2006 Allianz SE), München
Geburtsdatum: 26. 8. 1942
Mitglied seit: 13. 2. 1997
Externe Mandate
Deutsche Aufsichtsratsmandate:
Allianz AG (ab 13.10.2006 Allianz SE), München (Vorsitz)
E.ON AG, Düsseldorf
ThyssenKrupp AG, Düsseldorf
Peter von Siemens
Industriekaufmann
Geburtsdatum: 10. 8. 1937
Mitglied seit: 11. 3. 1993
Jerry I. Speyer
President, TishmanSpeyer
Geburtsdatum: 23. 6. 1940
Mitglied seit: 14. 7. 2003
Lord Iain Vallance of Tummel
Chairman, Nations Healthcare Ltd.
Geburtsdatum: 20. 5. 1943
Mitglied seit: 23. 1. 2003
Der Aufsichtsrat der Siemens AG umfasst 20 Mitglieder. Er ist gemäß dem deutschen Mitbestimmungsgesetz zu gleichen Teilen mit Aktionärs- und Arbeitnehmervertretern besetzt. Auf der Hauptversammlung vom 23. Januar 2003 wählten die Aktionäre die Vertreter der Anteilseigner. Die durch * kenntlich gemachten Vertreter der Arbeitnehmer wurden am 5.Dezember 2002 von einer Delegiertenversammlung der Arbeitnehmer gewählt. Die Amtsperiode des Aufsichtsrats beträgt fünf Jahre.
(Quelle: Siemens)
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