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Von Pierer ging erst nach großem Druck

Chronologie eines unfreiwilligen Abschieds: Wie, wann und warum sich die Siemens AG ihres Aufsichtsratsvorsitzenden entledigte
In Sachen AUB-Affäre - Protokoll vom 10. Dezember 1997 beweist: Heinrich von Pierer muss etwas gewusst haben

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Heinrich von Pierer:

Aus dem Siemens-Aufsichtsrat gedrängt, Bild: Siemens

(23.04.07) - Heinrich von Pierer (66) zeigt sich als schlechter Verlierer. Die Fernsehbilder sollten Souveränität und Überlegenheit signalisieren: Doch offensichtlich war alles ganz anders. Siemens-Aufsichtsratschef von Pierer ging unter starkem Druck und hat seinen Posten alles andere als freiwillig geräumt. Schon gar nicht stand die Einsicht hinter seinem Handeln, die moralische Verantwortung für Verfehlungen übernehmen zu müssen, die in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Siemens AG passiert waren. Geistig weit entfernt war von Pierer auch von der Überlegung, der Siemens AG all den Druck nehmen zu wollen, der einzig und allein durch seine Person entstanden war. Wäre es nach von Pierer gegangen, hätte die Siemens AG auch noch weitere Wochen eines heißen Eiertanzes zu ertragen gehabt.

Von Pierer hat sich wohl erst nach massiven Drängen aus dem Aufsichtsrat zum Rücktritt "entschlossen", das ist jetzt offenkundig. Dem Focus sagte ein Siemens-Aufsichtsrat: "Der Druck war so stark geworden, dass wir handeln mussten." Das heißt nicht mehr oder weniger: Der uneinsichtige von Pierer wurde regelrecht aus dem Aufsichtsrat rausgeschmissen. Aber warum?

Der Ex-Aufsichtsratschef selbst entwickelt seine eigene Dolchstoßlegende, wonach die IG Metall es gewesen sei, über deren Hasstiraden er letztendlich gestolpert sei. Die Gewerkschaft hatte von Pierer zum Rücktritt aufgefordert, nachdem bekannt geworden war, dass die Siemens AG schon seit 1991 die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) als Gegenorganisation zur IG Metall kumuliert mit rund 50 Millionen Euro finanziert hatte. Auch im Compliance-Magazin.de hatte sich der bayerische IG Metall-Chef Werner Neugebauer erbost über diese Siemens-Praktiken gezeigt.
Von Pierer selbst hatte immer erklärt, er habe von der Unterstützung der AUB durch Siemens nichts gewusst. Neugebauer selbst hält dies für blanken Unsinn. Dem hessischen Rundfunk sagte er: "Das nicht zu wissen, glaubt vielleicht jemand, der sich bei Siemens nicht auskennt - ich glaube es nicht."

Doch die Staatsanwaltschaften in München, Nürnberg und Darmstadt führen derzeit in keinem der Korruptions-, Schmiergeld- und Schwarze Kassen-Verfahren Ermittlungen gegen den Ex-Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden. Von Pierers Taktik erscheint ganz einfach: "Ich habe nichts gewusst" heißt in der von Pierer'schen Diktion übersetzt: "Ihr könnt mir nicht nachweisen, dass ich etwas gewusst habe". Diese Taktik, die von Pierer offensichtlich von seinem anwaltlichen Beistand Sven Thomas, Vertreter des Ex-Mannesmann-Chefs Klaus Esser, eingeflüstert worden ist, scheint juristisch zumindest aufzugehen.

Pikiert und in Selbstmitleid zerfließend zeigt sich von Pierer über die seiner Meinung nach nicht faire Behandlung durch die Medien, die dem "Mister Ich-hab-nichts-gewusst" auf seinem Märchenonkel-Trip nicht folgen wollen, und über Behörden, die sich doch tatsächlich verdächtige Siemens-Mitarbeiter greifen, um die Aufklärung voranzubringen. "Spiegel Online" zitiert aus einem Von Pierer-Abschiedsschreiben an die Siemens-Mitarbeiter: "Betroffen machen mich (...) die pauschalen Vorverurteilungen in der Öffentlichkeit, die oftmals ohne Rücksicht auf die Faktenlage erfolgen, und das Vorgehen einzelner Behörden gegenüber verdienten Mitgliedern unseres Hauses. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel scheint mir dabei zuweilen in Frage gestellt."

Dass die Aufgabe der Medien im Sinne der Gewaltenteilung eine ganz andere ist als die der Justiz, scheint dem vom Pierer'schen Gleichschaltungsverständnis nicht einsichtig. Besonders die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat dies in der jüngeren Vergangenheit schon zu spüren bekommen.

Am Samstag, 21. April 2007, veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung nun weitere schwere Geschütze gegen die Schutzbehauptung des Ex-Aufsichtsratsvorsitzenden, er habe in Sachen AUB-Affäre nichts gewusst. Der Ablauf der Ereignisse legt, dass es letztendlich die Recherchen der SZ waren, die von Pierer seinem Verbleib im Aufsichtsrat gekostet haben.

Der Ablauf:
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Die SZ konfrontiert Donnerstagfrüh (19.04.07) den Vorstand und Aufsichtsrat der Siemens AG mit dem Protokoll einer Sitzung des Siemens-Aufsichtsrats vom 10. Dezember 1997, wonach die IG Metall schon damals sowohl Heinrich von Pierer als auch seine Vorstandskollegen auf heimliche Zahlungen an die AUB aufmerksam gemacht hat. Der IG Metall-Vorwurf: Siemens habe die Ergebnisse der Betriebs- und Aufsichtsratswahlen beeinflusst. Damit fällt die von Pierers Schutzbehauptung wie ein Kartenhaus zusammen. Ganz brav, wie es die journalistische Pflicht erfordert, verlangt die SZ vom Siemens-Konzern eine Stellungnahme.
>> Siemens zieht sich darauf hin zu Beratungen mit von Pierer zurück und teilt der Süddeutschen Zeitung mit, von Pierer könne die erbetene Auskunft erst am Freitag erteilen.
>> Donnerstag-Abend kurz vor 23.00 Uhr: Von Pierer kündigt seinen Rücktritt an.
>> Am Freitag bezieht der Siemens-Konzern gegenüber der SZ zu den Vorwürfen dahingehend Stellung, dass er mitteilt, er könne "zu den angesprochenen Sachverhalten keine Stellung beziehen"
Hätte die SZ Gelegenheit gehabt, von Pierer direkt zu befragen, hätte dieser sicherlich gesagt: "Ich habe nichts gewusst."

Der Siemens-Konzern stritt gegenüber der SZ war ab, dass das von Pierer belastende Protokoll der Grund für dessen Rücktritt gewesen sei. Vielmehr habe es – so Konzernkreise - bereits seit Ostern Diskussionen um einen Rücktritt von von Pierer gegeben.

Unbestritten scheint allerdings, dass erst das Auftauchen dieses ominösen Protokolls von 1997 den Ausschlag gegeben hat, von Pierer sofort aus dem Aufsichtsrat zu eliminieren, um die Diskussionen um dieses Protokoll zu einer "von Pierer-Angelegenheit" und nicht eine "Siemens-Angelegenheit" werden zu lassen.

Prof. Heinrich von Pierer wird seinen Chefsessel als Aufsichtsratsvorsitzender mit Beginn der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch, 25. April 2007, zur Verfügung stellen. Er hatte die Leitung des Kontrollgremiums Anfang 2005 übernommen, nachdem er zuvor von 1992 bis 1995 die Siemens AG als Vorstandsvorsitzender geführt hatte. Von Pierers Nachfolger als Vorstandvorsitzender wurde seinerzeit Dr. Klaus Kleinfeld. Nachfolger Pierers als Aufsichtsratschef soll Dr. Gerhard Cromme werden, derzeit Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp. Cromme wird den Aufsichtsratsvorsitz für den Rest der laufenden Amtsperiode bis zur Hauptversammlung der Siemens AG am 24. Januar 2008 übernehmen. Cromme selbst hatte zuvor angegeben, dass der Job eines Aufsichtsratsvorsitzenden bei Siemens ein Fulltime-Job sei, und anklingen lassen, dass er dies mit seinen derzeitigen Verpflichtungen nur schwer vereinbaren könne.

Angeblich soll Cromme vorhaben, aus den Kontrollgremien der beiden DAX-Konzerne E.ON und Lufthansa ebenso auszuscheiden wie bei BNP Paribas und Suez, berichtet die "tagesschau". Entschieden sei aber noch nichts. Auch sei es unklar, ob Cromme als Aufsichtsratschef weiterhin Siemens Leiter des Siemens-Prüfungsausschusses bleiben könne.

Lesen Sie auch das Essay von Dr. Thomas Middelhoff:
Gute Governance: Deutschland braucht professionelle Aufsichtsräte - Im Filz der Deutschland AG

Hier lesen Sie alles zum Siemens-Skandal
(Siemens: ra)


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Cromme plant bei Siemens langfristig bis 2013 Von Pierer weg - Siemens frei - Kleinfeld stark