Eine kritische Nachbetrachtung: Am Siemens-Finanzvorstand lief stets alles vorbei - Joe Kaeser hat vom Bestechungsgebaren seines Arbeitgebers zu keinem Zeitpunkt etwas gewusst
"Kapitale Degeneration des Rechtsempfindens": Für Kaeser tragen allein seine Manager-Kollegen schuld am Siemens-Korruptionssystem
Von Rainer Annuscheit
(18.06.08) – Noch einer, der nach Heinrich von Pierer nichts gewusst hat. Joe Kaeser, Finanzvorstand der Siemens AG, gab sich bei seiner Zeugenaussage vor dem Münchner Landgericht als der "heilige Saubermann" aus, wohl wissend, dass seine Aussagen unwiderlegbar sind.
Im Gegensatz zu Heinrich von Pierer, der aus Selbstschutz die Aussage verweigert, ging Joe Kaeser vor Gericht recht forsch zu Werke. Dass sein konsequentes "Ich wusste von nichts" unglaubwürdiges Staunen auslöste, störte ihn nicht. Im Gegensatz zu Heinrich von Pierer steht Joe Kaeser in der komfortablen Situation, als Finanzvorstand nicht für das Versagen der Internen Revision und des Controllings die Verantwortung übernehmen zu müssen. Er durfte sich vor Gericht den Heiligenschein aufsetzen und die Schuld fleißig bei den Kollegen suchen.
Vielleicht hat der im Bayerischen Wald geborene Josef Käser es schon vor Jahren geahnt, dass ihm die Amerikanisierung seines Vor- und Zunamens einmal größere Verhunzungen ersparen könnte. Viel zu leicht hätte man vom bayerischen Sepp die Brücke zum simensianischen Depp schlagen können. Der Finanzvorstand der Siemens AG, Joe Kaeser, der vor dem Münchner Landgericht im Siemens-Schmiergeldskandal am Montag seine Zeugenaussage tätigte, bezog sofort hinter seiner argumentativen "Ich habe von Bestechung nichts gewusst"-Wagenburg Stellung, um dann ausgiebig Kollegenschelte zu betreiben. Vielleicht auch vor dem Hintergrund, nicht tatsächlich als der große Depp dazustehen. Angriff war schon immer die beste Verteidigung.
Kaeser ist als Finanzvorstand seit Mai 2006 die Nummer 2 bei Siemens. Davor war er "Strategiechef" und von 2001 bis 2004 Finanzchef der Siemens-Mobilfunksparte ICM. Wahrscheinlich sind es nur Außenstehende, die so naiv sind, zu glauben, dass der Inhaber dieser Jobs im Allgemeinen Bescheid weiß über die Art und Weise, wie das Unternehmen Siemens seine Auslandsgeschäfte in der Vergangenheit abzuwickeln pflegte. Joe Kaeser wusste es nach eigenem Bekunden offenbar nicht.
Den Beschuldigten Herrn S. kenne er nicht, sagte Kaeser. Reinhard S. hatte als Angeklagter vor dem Landgericht München bereits gestanden, innerhalb der ehemaligen Kommunikationssparte von Siemens rund 50 Millionen Euro in Schwarze Kassen umgeleitet zu haben. Nach Darstellung von Reinhard S. hatte S. auch im Mobilgeschäft zeitweise Schmiergeld organisiert. Als Bereichsvorstand Finanzen war Joe Kaeser für das Mobilgeschäft zuständig. Die Verteidigung von Reinhard S. wies darauf hin, dass in diesem Bereich sogar "fragwürdigen Zahlungen" in Höhe von 240 Millionen Euro angefallen seien. Aber selbstverständlich: Herr Kaeser wusste von nichts.
Auch als die Verteidigung Joe Kaeser mit einer Barzahlung in Höhe von 3,5 Millionen Euro konfrontierte, ließ sich dieser nicht erschüttern: Nein, nein, das könne er sich nicht vorstellen, sonst hätte er natürlich reagiert. Und gedeckt hätte er das schon gar nicht. Außerdem seien Zahlungen immer von "oberen Managern" abgesegnet worden. Und warum die Revisions- und Controlling-Abteilung nicht reagiert hätte, wüsste er auch nicht.
Dass der Siemens-Compliance-Chef Albrecht Schäfer den Zentralvorstand über die Problematik der Schwarzen Kassen unterrichtet habe, wüsste er nur vom Hörensagen. Er selbst sei bei diesem Gespräch nicht anwesend gewesen.
Angeblich sei ihm das Schmiergeld-Szenario sogar "grundsätzlich völlig fremd". "Bestechung, schwarze Kassen sind ein Thema, was in meinen Werten nicht vorkommt", sagte Kaeser. Von der Korruptions-Affäre habe er erst aus der Zeitung erfahren und sei bestürzt gewesen, dass es so etwas überhaupt gebe.
Wenigstens Zeitung lesen tut er also, der Herr Kaeser. Der naive Beobachter fragt sich natürlich, wie man mit dieser Werteskala überhaupt so hoch bei Siemens aufsteigen konnte.
Offensichtlich muss sich jemand bei der Beurteilung der Person Joe Kaeser gefährlich vertan haben, als man ihn in den Sessel des Finanzvorstands hob.
Andererseits erscheint es kaum glaubhaft, dass sich ein Finanzvorstand einen derartigen Tunnelblick erlauben darf, der ihn so gekonnt vom Alltagsgeschäftsgebaren der Siemens AG abgeschottet hat.
Wie dem auch sei: In der Folge zog sich Kaeser auf Allgemeinweisheiten zurück, die mittlerweile hinlänglich bekannt sind:
>> ja, Bestechung wurde systematisch und mit Akribie im Unternehmen geplant und durchgeführt,
>> ja, die Siemens AG hat 1,3 Milliarden Euro an Schmiergeldzahlungen enttarnt,
>> ja, mit dem Wissen von heute, hätte man es merken müssen,
>> ja, auch die Wirtschaftsprüfer der KPMG hätten diese Zahlungen frühzeitiger erkennen und melden müssen
>> ja, es habe Warnungen gegeben, die man bei Siemens ignoriert hätte (warum? – das sei ihm auch nicht klar)
>> ja, natürlich hätte man diese Warnungen verfolgen müssen
>> Siemens sei als Unternehmen zu sehr fragmentiert gewesen, so dass eine zentrale Kontrolle nicht erfolgt sei
>> außerdem seien es keine kleine Angestellten gewesen, die das Korruptionssystem aufgebaut hätten, sondern Führungsmanager
Die gesamte Zeugenaussage von Joe Kaeser gipfelte in dem Ausspruch: "Ich halte das für eine kapitale Degeneration des Rechtsempfindens." Und natürlich hätte er solche "unrechtmäßigen" Handlungen nie akzeptiert "geschweige denn gedeckt".
Wohl dem, dem es bei dieser Zeugenaussage nicht schlecht geworden ist.
(Siemens: ra)
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